Wehen erkennen — Übungs-, Senk- und Geburtswehen unterscheiden
„Sind das jetzt Wehen?“ Fast jede Schwangere stellt sich diese Frage. Hier ist dein ruhiger, evidenzbasierter Guide: welche Wehenart wann, wie sie sich anfühlt, und wann du wirklich in die Klinik musst.
Inhaltsverzeichnis
Die vier Wehenarten im Überblick
Wehen sind nicht gleich Wehen. Der menschliche Uterus zieht sich bereits ab der Frühschwangerschaft regelmäßig zusammen — die meisten Kontraktionen spürst du gar nicht. Vier Wehenarten sind im dritten Trimester und rund um die Geburt relevant.
Übungswehen (Braxton Hicks) — ab SSW 20
- Unregelmäßig, meist schmerzlos oder nur leicht unangenehm
- Kurz, meist 20–60 Sekunden
- Bauch wird kurz hart, dann wieder weich
- Werden nicht stärker oder häufiger
- Gehen durch Ruhe, Trinken, Positionswechsel weg
- Trainieren die Muskulatur, öffnen den Mutterrmund nicht
Senkwehen — letzte 2–4 Wochen
- Ziehen im Unterleib, oft nach unten und in die Leiste
- Häufiger als Braxton Hicks, aber immer noch unregelmäßig
- Begleitet von „Bauch wird tiefer“, leichteres Atmen, häufigeres Pinkeln
- Bereiten die Position des Babys vor — kein Geburtsbeginn
- Bei Mehrgebärenden erst kurz vor Geburt, bei Erstgebärenden 2–4 Wochen vorher
Vorwehen — die letzten Tage
- Menstruationsartiges Ziehen im Unterbauch und Rücken
- Rhythmischer als Senkwehen, aber noch nicht regelmäßig
- Dauer 30–60 Sekunden
- Meist nachts spürbar, tagsüber ruhiger
- Modellieren den Muttermund vor, er wird weicher und reift
- Typisch: Gehen durch warmes Bad oder Ruhe kurz weg
Geburtswehen — jetzt geht’s los
- Regelmäßig und werden mit der Zeit häufiger
- Werden länger und intensiver, nicht schwächer
- Dauer 45–90 Sekunden, irgendwann alle 3–5 Minuten
- Schmerz wellenförmig, oft tief im Kreuz beginnend und um den Bauch
- Gehen NICHT weg bei Positionswechsel, Ruhe, warmem Bad
- Oft begleitet von Zeichnen (blutiger Schleim) oder Blasensprung
Übung oder echt? So unterscheidest du
Die DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe), ACOG und WHO beschreiben drei einfache Unterscheidungsmerkmale, die zu Hause helfen.
Die 3-Fragen-Prüfung
- Zeitrhythmus: Kommen sie regelmäßig und werden sie häufiger? (ja = eher Geburt)
- Intensität: Werden sie stärker, nicht schwächer? (ja = eher Geburt)
- Reaktion auf Maßnahmen: Gehen sie durch warmes Bad, Trinken und Positionswechsel weg? (ja = Übung/Senk/Vor)
Die 5-1-1-Regel
Die 5-1-1-Regel ist der internationale Standard (ACOG, NICE, DGGG), wann Erstgebärende mit ungestörter Schwangerschaft in die Klinik fahren:
- 5 — Wehen kommen alle 5 Minuten
- 1 — Jede Wehe dauert mindestens 1 Minute
- 1 — Dieses Muster hält mindestens 1 Stunde an
- Bei Mehrgebärenden eher 7-1-1 oder früher in die Klinik (der Geburtsverlauf ist oft schneller)
- Bei Risiko-Schwangerschaften, weiter Anfahrt oder nach Kaiserschnitt: früher anrufen
Rote Flaggen — sofort in die Klinik
Egal ob Wehen oder nicht: bei folgenden Zeichen gilt die 5-1-1-Regel nicht mehr — du musst sofort in die Klinik oder die 112 rufen.
Sofort in die Klinik — oder 112
- Frische, hellrote vaginale Blutung — mehr als nur Zeichnen
- Blasensprung mit grünem, bräunlichem oder übelriechendem Fruchtwasser
- Deutlich reduzierte oder fehlende Kindsbewegungen in den letzten 2–4 Stunden
- Dauerschmerz im Bauch, der nicht in Wellen kommt (Verdacht auf Plazentallösung)
- Starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Übelkeit, Oberbauchschmerzen (Verdacht auf Präeklampsie)
- Fieber über 38 °C in der Schwangerschaft
- Wehen vor 37+0 SSW und regelmäßig — mögliche Frühgeburt
Mit Wehen umgehen — Schmerzbewältigung
WHO, NICE und die DGGG-Leitlinie zur vaginalen Geburt sehen Schmerzerleichterung als Menschenrecht — die beste Option hängt von Phase, Wünschen und körperlichem Zustand ab. Ein guter Mix ist häufig am wirksamsten.
Nicht-medikamentöse Strategien
- Atemtechniken (tiefe Ausatmung, 4-7-8)
- Bewegung: Gehen, Kreisen auf dem Gymnastikball
- Warmes Wasser: Dusche, Badewanne, Wassergeburt
- Gegendruck auf das Kreuz durch Partner:in / Doula
- TENS-Gerät (transkutane Nervenstimulation) — evidenzbasiert in Frühphase
- Massage, Aromatherapie (Öl muss geburtsgeeignet sein)
- Hypnobirthing, Visualisierung
- Musik, gedimmtes Licht, vertraute Umgebung
Medikamentöse Optionen
- Lachgas (N2O) — schnell, kurzwirksam, wenig Auswirkung auf Baby
- Opioide (z. B. Piritramid, Meptazinol) — lindern deutlich, sollten nicht kurz vor Austreibung gegeben werden
- Periduralanästhesie (PDA/Epidural) — häufigste regionale Methode, senkt Schmerz sehr effektiv
- Spinalanästhesie — vor allem für Kaiserschnitt
- Kombinationsverfahren (CSE) — Vorteile beider Verfahren
Bevor du in die Klinik aufbrichst
Entspannungs-Check
- Einmal in Ruhe auf die Toilette
- Ein Glas Wasser trinken, eine Kleinigkeit essen
- Klinik anrufen und den Verlauf schildern
- Geburtsplan und Mutterpass rausnehmen
- Wenn möglich: 30 Minuten atmen, bewegen, herausspüren
- Wenn alles stabil: losfahren, nicht selber fahren
Und ganz wichtig: vertraue deinem Bauchgefühl. Du darfst jederzeit anrufen und sagen: „Ich bin nicht sicher, ich komme lieber.“ Keine Hebamme und keine Klinik wird dich darüber belehren. Lieber einmal umsonst gefahren als einmal zu spät.
Häufige Fragen zu Wehen
Wie fühlen sich echte Wehen wirklich an?
Ab wann gelten Übungswehen als normal?
Wie unterscheide ich Senkwehen von Geburtswehen?
Was ist das Zeichnen?
Blasensprung — was jetzt?
Wie lange dauert die Geburt beim ersten Kind?
Können Wehen auch nur im Rücken sein?
Ab wann in die Klinik bei Zweitgebärenden?
Was hilft bei Wehen natürlich?
Wann ist es eine Frühgeburt?
Kann Sex Wehen auslösen?
Mein Termin ist überschritten. Wann wird eingeleitet?
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Unsicher, ob du in die Klinik musst?
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Dieser Ratgeber ersetzt keine medizinische Betreuung. Bei Blutungen, grünem Fruchtwasser, deutlich reduzierten Kindsbewegungen, anhaltenden Kopfschmerzen/Sehstörungen, starken Bauchschmerzen außerhalb der Wehen oder wenn etwas sich falsch anfühlt — sofort Klinik oder 112. Vertraue deinem Bauchgefühl.